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Mehr Anleger und trotzdem dreieinhalb Billionen auf dem Konto

In Deutschland investieren mehr Menschen in Wertpapiere, doch das Geld auf den Konten wird nicht weniger.

Einer am 23. September veröffentlichten ING-Umfrage zufolge legen 46 Prozent der Erwachsenen Geld in Aktien, Anleihen, Fonds oder ETFs an. Gleichzeitig hielten die privaten Haushalte Ende März 2026 nach Bundesbank-Zahlen 3,55 Billionen Euro als Bargeld und Einlagen – gut 37 Prozent ihres gesamten Geldvermögens. Allein im ersten Quartal kamen netto weitere 11,1 Milliarden Euro hinzu. Das ist der eigentliche Befund: Die Zahl der Anleger steigt, der große Kontenbestand bleibt.

Für die ING befragte Ipsos vom 27. Juli bis 7. August jeweils rund 1.000 Erwachsene in elf europäischen Ländern und Australien. Deutschland liegt hinter der Türkei und der Schweiz auf Platz drei. Das Deutsche Aktieninstitut zählte für 2025 dagegen 14,1 Millionen Menschen mit Aktien, Aktienfonds oder ETFs – etwa jeden Fünften ab 14 Jahren.

Die Zahlen widersprechen sich nicht. Die ING zählt auch Anleihen, befragt erst ab 18 Jahren und arbeitet mit Selbstauskünften eines Onlinepanels. Das Aktieninstitut verwendet eine engere Definition und ein anderes Bezugsjahr. Für einen tatsächlichen Zuwachs spricht auch die Zahl der Wertpapierdepots: Sie stieg von rund 23 Millionen im Jahr 2020 auf 37,2 Millionen Ende 2025. Depots sind allerdings keine Personen – ein Anleger kann mehrere besitzen.

Wie viel Vermögen durch die Vorliebe für Konten entgangen sein könnte, hat die ING modelliert. Sie unterstellt, dass seit 1996 jedes Jahr ein Viertel der neu auf Sparkonten angelegten Gelder stattdessen in Fonds oder Aktien geflossen wäre. Daraus errechnet sie knapp 400 Milliarden beziehungsweise mehr als 1,2 Billionen Euro zusätzliches Vermögen. Das sind keine beobachteten Verluste, sondern Ergebnisse einer Rückrechnung, die von der angenommenen Anlage und den verwendeten historischen Erträgen abhängt. Auftraggeberin ist die ING, die selbst Wertpapierdepots und Sparpläne anbietet.

Ohne Modell lässt sich dagegen der Kaufkraftverlust auf Konten bestimmen: Täglich fällige Einlagen privater Haushalte wurden im Juli 2026 im Durchschnitt mit 0,50 Prozent verzinst. Bei einer Inflationsrate von 2,8 Prozent ergibt das einen Realzins von minus 2,3 Prozent. Nach Berechnung der privaten Vergleichsseite Tagesgeldvergleich.net war es der 67. negative Monat in Folge. Deutschlands Anleger werden also zahlreicher – doch der größte Geldblock bleibt auf Konten und verliert dort weiter an Kaufkraft.

Konstruktiv 74/100✓ Lösung benannt✓ Belege✓ Grenzen benanntTon: nüchtern

Sehr gut belegte, methodenkritische Analyse mit erkennbarem Fortschritt, aber ohne konkrete Handlungsperspektiven über die Bestandsaufnahme hinaus.

Der Text arbeitet mit vielen konkreten Zahlen aus Bundesbank, ING-Umfrage und Aktieninstitut und erklärt, warum sich abweichende Angaben nicht widersprechen. Besonders stark ist die Offenlegung von Grenzen: Selbstauskünfte eines Onlinepanels, Depots sind keine Personen, die Milliardenbeträge stammen aus einer Modellrechnung, und der Auftraggeber verkauft selbst Depots. Als Fortschritt wird die steigende Zahl der Anlegerinnen und Anleger benannt, eine eigentliche Lösung für den großen Kontenbestand fehlt jedoch. Hinweise darauf, was Politik, Anbieter oder Sparende konkret ändern könnten, und Stimmen unabhängiger Fachleute würden den Text konstruktiver machen.

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