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Lebensmittel: Was Frankreich anders macht - ein Gesetz statt Appelle

In Deutschland landen jedes Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall, und diese Zahl bewegt sich seit Jahren kaum.

Frankreich verpflichtet seine Supermärkte seit 2016 per Gesetz, unverkaufte Ware zu spenden statt wegzuwerfen, und liegt beim Müll aus Privathaushalten heute bei etwa 58 Kilogramm pro Kopf, Deutschland bei 75. Das Bundeslandwirtschaftsministerium will weiter bei freiwilligen Spenden bleiben. Das ARD-Magazin Plusminus hat beide Wege verglichen.

Seit 2019 fallen in Deutschland Jahr für Jahr etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. 58 Prozent davon, knapp 6,3 Millionen Tonnen, entstehen in privaten Haushalten. Auf die Lebensmittelverarbeitung entfallen 17 Prozent, auf Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung 16, auf den Handel sieben und auf die Landwirtschaft zwei Prozent. Die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner legte im Februar 2019 eine nationale Strategie vor, die die Menge bis 2030 halbieren sollte, ausdrücklich mit freiwilligen Maßnahmen. Gemessen an den amtlichen Zahlen hat sich seither wenig bewegt.

Frankreich ging den anderen Weg. Ein Gesetz von 2016 verbietet Lebensmittelgeschäften ab 400 Quadratmetern Fläche, unverkaufte, noch verzehrfähige Ware unbrauchbar zu machen; sie müssen sie Hilfsorganisationen anbieten. Dazu kommt ein finanzieller Anreiz: Nach Angaben von Jean Serrats, Präsident der Straßburger Banque Alimentaire, erhält ein Geschäft für gespendete Ware einen Steuernachlass von 60 Prozent des Warenwerts. Die Banque Alimentaire, vergleichbar mit der deutschen Tafel, aber stärker als Sozialprogramm verstanden, holt täglich mit freiwilligen Helfern bei Großhändlern, Supermärkten und Bäckereien ab, sortiert zentral und gibt an Organisationen wie das Rote Kreuz und die Caritas weiter. Allein im Département Bas-Rhin bei Straßburg versorgt sie 68.000 Menschen regelmäßig, in ganz Frankreich 2,4 Millionen. Die deutschen Tafeln erreichen nach Angaben des Ministeriums rund 1,5 Millionen Menschen im Jahr.

Der deutsche Handel verweist auf eigene Fortschritte. Die Lebensmittelverluste seien bei den teilnehmenden Handelsketten um 25 Prozent gesunken, sagt Manon Struck-Pacyna vom Lebensmittelverband. Nur: Der Handel verursacht sieben Prozent der gesamten Abfallmenge, ein Viertel davon macht keine zwei Prozent aus. Hinzu kommt, dass die 25 Prozent aus dem Monitoring des Pakts gegen Lebensmittelverschwendung stammen und sich auf Basisjahre beziehen, die jedes der 14 beteiligten Unternehmen selbst gewählt hat; die Deutsche Umwelthilfe hält die Methode deshalb für beliebig. Beim größten Verursacher, den Haushalten, sieht die Berliner Lebensmittelwissenschaftlerin Nina Langen die Packungsgrößen als Problem: Obst und Gemüse gebe es im Supermarkt oft nur im Gebinde, einzelne Zwiebeln oder eine einzelne Banane seien in Discountern häufig nicht zu bekommen, ebenso wenig kleine Mengen Fleisch oder Käse. Ihr Projekt „Miss Mit", bei dem Verbraucher ihre Abfälle in einem Tagebuch protokollieren, funktionierte bei den Teilnehmenden, kam aber nur auf 250 vollständige Datensätze.

Beim Vergleich der Länder ist Vorsicht nötig. Die 75 und 58 Kilogramm pro Kopf beschreiben den Müll aus Privathaushalten. Rechnet man alle Bereiche zusammen, liegt Deutschland bei etwa 129 Kilogramm pro Einwohner und damit knapp unter dem EU-Durchschnitt von 130 Kilogramm; beim Haushaltsmüll dagegen über dem europäischen Mittel von 69 Kilogramm. Dass Frankreich seit 2016 von 108 auf 58 Kilogramm gekommen ist, ließ sich in den amtlichen Statistiken nicht nachvollziehen. Auch „Lebensmittelabfall" heißt nicht, dass alles essbar gewesen wäre: In der Zahl stecken Schalen, Knochen und Kaffeesatz. Verluste vor Ernte und Schlachtung zählt sie umgekehrt nicht mit. Und die Daten hinken hinterher, die jüngsten Werte stammen aus 2022 und 2023.

Für Deutschland endet die Zeit der freiwilligen Ziele ohnehin. Die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie schreibt erstmals verbindlich vor, die Abfälle bis 2030 in der Verarbeitung um zehn Prozent und in Handel, Gastronomie und Haushalten zusammen um 30 Prozent je Einwohner zu senken, gemessen am Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023. Bis Juni 2027 muss Deutschland sie in nationales Recht umsetzen. Bis dahin bleibt es bei Aufklärung: Die Aktionswoche „Zu gut für die Tonne" läuft vom 29. September bis zum 6. Oktober.

Konstruktiv 86/100✓ Lösung benannt✓ Belege✓ Grenzen benanntTon: nüchtern

Der Text vergleicht zwei politische Wege mit vielen belegten Zahlen und legt Unsicherheiten der Statistik offen.

Konstruktiv ist, dass nicht nur das Problem der Lebensmittelverschwendung beschrieben, sondern mit dem französischen Spendengesetz und der kommenden EU-Vorgabe ein konkreter Lösungsweg gezeigt wird. Zahlen, Fachleute und Organisationen werden benannt, und der Text sagt ehrlich, wo die Daten wacklig sind, etwa dass der Rückgang in Frankreich nicht nachvollziehbar ist und Basisjahre selbst gewählt wurden. Etwas mehr Gewicht hätte die Frage verdient, was beim größten Verursacher, den Haushalten, tatsächlich wirkt. Auch konkrete Hinweise, was Leserinnen und Leser selbst tun können, würden den Nutzwert erhöhen.

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